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16.10.2026
Waadt
Anwaltschaft
Initialisierung
Pilotvorstellung

Pilotprojekt im Kanton Waadt: Gemeinsam den digitalen Rechtsverkehr erproben

Wie verändert der digitale Rechtsverkehr die Zusammenarbeit zwischen Justizbehörden und Anwaltschaft? Im Kanton Waadt wird dies im Rahmen eines Pilotprojekts mit der Plattform justitia.swiss unter realen Bedingungen erprobt. Vertreterinnen und Vertreter des Programms eJustice.VD, Staatsanwaltschaft, Bezirksgericht und Anwaltschaft berichten über neue Abläufe, konkrete Erfahrungen und darüber, was es braucht, damit der digitale Wandel im Justizalltag gelingt.

Reale Fälle digital bearbeiten

Das kantonale Programm eJustice.VD bündelt seit Anfang 2023 die Digitalisierungsprojekte der Waadtländer Justiz für Gerichte, Friedensgerichte und Staatsanwaltschaft. Nathalie Blin, Fachverantwortliche des Programms, bringt den Anspruch dahinter auf den Punkt: «Ziel ist es, eine digitale, sichere und zuverlässige Justiz bereitzustellen.» Das aktuelle Pilotprojekt konzentriert sich auf Strafverfahren ohne Haft und wird gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft, dem Bezirksgericht Waadt Ost in Vevey und mehreren Anwaltskanzleien durchgeführt. Im Zentrum steht das Zusammenspiel zwischen der Plattform justitia.swiss und der kantonseigenen Fachapplikation eGDX. Über eine Schnittstelle werden konkrete Fälle unter realen Bedingungen abgewickelt – und damit technische wie organisatorische Abläufe für den künftigen elektronischen Rechtsverkehr überprüft.

«Wir konnten konkrete Fälle unter realen Bedingungen abwickeln und uns auf das Inkrafttreten des BEKJ vorbereiten.»

Nathalie Blin, Fachverantwortliche des Programms eJustice.VD

Veränderungen frühzeitig erproben

Delphine Anta, Gerichtsschreiberin bei der Bezirksstaatsanwaltschaft Waadt Ost, sieht die Digitalisierung der Justiz nicht als technische Entwicklung, sondern als eine grundlegende Veränderung des Berufsalltags: «Die Digitalisierung der Justiz ist die Zukunft unseres Berufs, und die Einführung des elektronischen Rechtsverkehrs ist dabei ein wichtiger Schritt.» Gerade deshalb war es ihr wichtig, sich frühzeitig mit den neuen Abläufen auseinanderzusetzen und an deren Ausgestaltung mitzuwirken. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Begleitung durch das Programm eJustice.VD: Neben einer ausführlichen Einführung erhielten die Mitarbeitenden individuelle Schulungen am Arbeitsplatz sowie Anleitungen und Tutorials. Während der gesamten Pilotphase stand das Projektteam zudem für Fragen und bei Problemen zur Verfügung.

«Die Digitalisierung der Justiz ist die Zukunft unseres Berufs. Deshalb war es mir ein wichtiges Anliegen, an diesem Pilotprojekt teilzunehmen, um diesen Wandel bestmöglich vorwegzunehmen und dazu beizutragen, die eingeführten Prozesse an die Realität unseres Berufsalltags anzupassen.»

Delphine Anta, Gerichtsschreiberin Bezirksstaatsanwaltschaft Waadt Ost, Staatsanwaltschaft Waadt

Neue Routinen im Arbeitsalltag

Auch am Bezirksgericht Waadt Ost zeigt sich besonders deutlich, dass Digitalisierung nicht einfach bestehende Abläufe eins zu eins ins Digitale überträgt. Der Versand und Empfang der Korrespondenz erfolgen direkt über die Fachapplikation, jede Übermittlung wird quittiert und bleibt dadurch nachvollziehbar. Vanessa Cottet, Kanzleileiterin des Bezirksgerichts, verweist zugleich auf organisatorische und administrative Veränderungen. Während die Briefpost einmal täglich eintrifft, verteilt sich die elektronische Korrespondenz über den ganzen Tag. Der Posteingang wird deshalb zu festgelegten Zeiten kontrolliert. Gleichzeitig entfallen verschiedene manuelle Arbeitsschritte. «Wir sparen wertvolle Zeit, weil weniger gedruckt und in Briefumschläge eingepackt werden muss», betont Cottet.

«Wir sparen wertvolle Zeit, weil weniger gedruckt und in Briefumschläge eingepackt werden muss. Der digitale Versand ist einfach und schnell und die Quittungen werden sofort empfangen.»

Vanessa Cottet, Kanzleileiterin Bezirksgericht Waadt Ost

Zusammenarbeit schafft praxistaugliche Lösungen

Auch die Anwaltschaft bringt ihre Perspektive direkt in das Pilotprojekt ein. Emmeline Filliez-Bonnard, SAV-Fachanwältin für Strafrecht bei Penalex Avocats SA, nutzt die Plattform mit ihrer Kanzlei nahezu täglich für die Eingabe von Verfahrensschriften, Beilagen und weiterer Korrespondenz. Die Umstellung erforderte neue Zugänge, Schulungen und interne Prozesse für Empfang, Bearbeitung und Ablage. Einen besonderen Wert der Pilotierung sieht sie darin, konkrete Bedürfnisse der Anwaltschaft frühzeitig einbringen, Problemstellungen erkennen und gemeinsam mit Behörden und Programmverantwortlichen Lösungen entwickeln zu können. Im Arbeitsalltag bringt die digitale Abwicklung für sie vor allem mehr Flexibilität: Dokumente müssen nicht mehr ausgedruckt, unterschrieben, verpackt und innerhalb fixer Öffnungszeiten zur Post gebracht werden. «Die Kommunikation wird einfacher und reibungsloser.» Gleichzeitig gewinne die Anwaltschaft mehr Freiheit bei der Organisation von Arbeit, Zeit und Arbeitsort.

«Aus meiner Sicht liegen die grössten Vorteile in der Vereinfachung des Austauschs, in der Schnelligkeit und im reibungslosen Ablauf, aber auch in einer besseren Nachvollziehbarkeit der Sendungen, in der Verringerung des administrativen Aufwands und des Papierverbrauchs sowie der damit verbundenen Kosten.»

Emmeline Filliez-Bonnard, SAV-Fachanwältin für Strafrecht bei Penalex Avocats SA
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